Aktuelle Gesundheitsnachrichten Sieben-Tage-Inzidenz als Maß der Dinge - angemessen oder irreführend? Von Gisela Gross, dpa Latz aktuelle Nachrichten

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Aktuelle Gesundheitsnachrichten Sieben-Tage-Inzidenz als Maß der Dinge - angemessen oder irreführend?
Von Gisela Gross, dpa Latz aktuelle Nachrichten
29 April 2021 - 10:00

Aktuelle Nachrichten ! Die Debatte ist keineswegs neu, kommt aber durch zunehmende Impfungenund Schnelltests wieder hoch: Ist die Sieben-Tage-Inzidenz nochgeeignet, um die Entwicklung der Pandemie zu messen?Berlin (dpa) - Greift die nächtliche Ausgangssperre? Wie vieleFreunde dürfen sich treffen? Können Kinder zur Schule? Mit denBundesregelungen zur aktuellen Corona-Notbremse hängen die Antwortenauf viele Fragen des Pandemiealltags verbindlich von gewissen Wertenab: der Sieben-Tage-Inzidenz in einem Landkreis oder einerkreisfreien Stadt. Das sind die gemeldeten Corona-Neuinfektionen pro100 000 Einwohner binnen sieben Tagen, nachgewiesen per Labortest.Zwar sind nicht alle Betroffenen krank. Aber auch Infizierte ohneSymptome können das Virus verbreiten. Daher gilt die Inzidenz als einFrühwarn-Indikator - wobei Experten stets appellierten, auch nochweitere Werte zu betrachten. Zuletzt sind allerdings vermehrtForderungen laut geworden, einen anderen, angeblich geeigneterenIndikator für die Bemessung der Pandemie heranzuziehen.«Aufgeheizt» finde er die aktuelle Diskussion, kommentierte derVirologe Christian Drosten am Dienstag im «Coronavirus-Update». DieForderung, nicht nur auf die Inzidenz zu schauen, komme seit demHerbst von Maßnahmen-Gegnern. Nun gebe es auch seriöse Kritik.Dabei geht es nicht nur um Faktoren wie den Einfluss von Test- undMeldeverzug auf die Werte - wie rund um Ostern, als tagelang unklarblieb, wohin der Trend geht. Das Argument ist auch: Zunehmendentkoppele sich die Sieben-Tage-Inzidenz von der eigentlichengesundheitlichen Lage.Dazu trügen an sich erwünschte Effekte bei, sagte der EpidemiologeGérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung inBraunschweig kürzlich: zunehmende (Schnell-)Tests, etwa an Schulen,und Impfungen der Risikogruppen, die hoffentlich die gesundheitlicheBelastung sinken ließen. Krause sprach sich dafür aus, künftig besserauf die Entwicklung der Zahl der Covid-19-Neuaufnahmen auf denIntensivstationen zu blicken. Dies werde der Situation am ehestengerecht, wenn man sich denn auf nur einen Messwert beschränken müsse.Gemeint ist nicht das bestehende Divi-Intensivregister, in dem unteranderem ein Bundeswert zu Neuaufnahmen auf Intensivstationeninklusive Verlegungen ausgewiesen wird. Es geht rein um Neuaufnahmen.Mangels regionaler Daten dazu habe man ein Schätzmodell mitGrenzwerten je nach Bundesland entwickelt, schilderte HelmutKüchenhoff, Leiter des Statistischen Beratungslabors derLudwig-Maximilians-Universität München. In einer Publikation zumThema von Autoren um Küchenhoff und Krause heißt es, dass mitniedrigen Grenzwerten ein «etwaiger Zeitverzug» kompensiert werdenkönnte. Aber sie nennen auch Einschränkungen.Für einen Fokus auf Schwerkranke sprachen sich auch zwei Professorenin einem Offenen Brief an die Bundestagsfraktionen aus: Der frühereLeiter der Charité-Virologie, Detlev Krüger, und der Ex-WHO-VirologeKlaus Stöhr warnten Mitte April, dass bei einer Kopplung vonMaßnahmen an die Inzidenz «selbst dann massive Einschränkungen derFreiheitsrechte mit gravierenden Auswirkungen [...] erfolgen müssten,wenn längst weniger krankenhauspflichtige Erkrankungen als währendeiner durchschnittlichen Grippewelle resultierten».Krause betonte, ihm gehe es um eine sachgerechte Darstellung derLage. Es sei ein Irrglaube zu denken, dass die Inzidenz «die Sacheüberschätzt». Risiken könnten durchaus auch unterschätzt werden undgebotene Maßnahmen unterbleiben. Als Beispiel nannte er «ganzbesondere Dramen» in kleinen, aber sehr anfälligen Gruppen, wie inschlecht versorgten Heimen oder unter beengten Wohnverhältnissen. Inder pauschalierten Inzidenz träten diese nicht deutlich inErscheinung.Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verteidigte in derVorwoche den Blick auf die Sieben-Tage-Inzidenz: «Noch jedenfalls, indieser Phase der Pandemie, ist es so, dass Inzidenz und Intensivmiteinander zusammenhängen.» Das sei die Erfahrung der vergangenenMonate, auch international. Eine steigende Inzidenz lasse in derFolge auch in Kliniken die Belastung steigen. Das gelte so lange, bisein deutlich größerer Teil der Bevölkerung geimpft sei.Er werde in letzter Zeit öfter gefragt, ob eine 100er-Inzidenz inGruppen mit 50 Prozent Geimpften nicht anders zu beurteilen wäre,berichtete er. «Dann sage ich ja. Es wäre noch viel schlimmer.

. Die Gruppe derjenigen, die sich überhauptnoch anstecken kann, wird mit zunehmenden Impfungen kleiner.Der Epidemiologe Rafael Mikolajczyk bestätigt, dass die Aussagekraftder Sieben-Tage-Inzidenz für die zu erwartende Belastung desGesundheitssystems mit zunehmender Durchimpfung der Bevölkerungnachlasse. Auch durch vermehrtes Testen in Altersgruppen, die in derRegel nicht schwer erkranken, ändere sich das Verhältnis zwischenInfektionszahlen und den zu erwartenden schweren Verläufen. «DieEntkopplung ist momentan noch nicht so stark, wird aber zunehmen»,erklärt der Professor aus Halle. Auch Drosten sagte im Podcast: «Erstin der Zukunft wird sich das ein bisschen voneinander ablösen.» Nochsei der Blick auf die Inzidenz richtig.Laut Mikolajczyk ist der Vorteil der Sieben-Tage-Inzidenz, dass sieauch kleinräumig eingesetzt werden könne, während die Aufnahmezahlenklein sein könnten und zu stark schwankten, etwa in Landkreisen mitwenig Intensivbetten. Befürworten würde er aber, im weiteren Verlaufder Epidemie die Inzidenzschwelle anzupassen. Auch die Dynamik derAnsteckungen, also R-Wert oder Verdopplungszeit, müsse im Augebehalten werden, da ein exponentielles Wachstum der Fallzahlen dasGesundheitssystem schnell an die Belastbarkeitsgrenze bringen könne.Zum Einschätzen der noch verkraftbaren Belastung zunehmend auch dieregionalen Covid-19-Neuaufnahmen heranzuziehen, hält er in Phasenstabiler oder langsam wachsender Infektionszahlen aber für durchaussinnvoll. Und auch dann, wenn sich Testzahlen stark ändern, wie etwaüber Feiertage. Verbreite sich das Virus allerdings gerade stark, seieine möglichst frühe Erfassung von Vorteil, betont Mikolajczyk: Alsoam besten schon beim anhaltenden Anstieg von positiven Tests. «DieSchulkinder sind im Moment die am besten getestete Altersgruppe - mankann sie als Frühwarnsystem deuten», betonte Mikolajczyk. Zeige sichin einer Altersgruppe ein Anstieg der Inzidenz, dann sei das einHinweis auf eine Zunahme des Infektionsgeschehens insgesamt.Altersgruppen hätten ja Kontakte untereinander.Ute Teichert, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnenund Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, spricht sichebenfalls für das Festhalten an der Sieben-Tage-Inzidenz aus: «DerWert hat sich als ein Parameter durchgesetzt, den man gut alsGrundlage für weitere Daten-Auswertungen nehmen kann», sagte sie derdpa. Er sei in viele weitere Berechnungen und Simulationeneingeflossen und stelle eine Grundstruktur dar, um die Lage zubeurteilen. Es ergebe wenig Sinn, «da nun noch neue Werteaufzupfropfen». Beim Beurteilen einer lokalen Lage behalte mannatürlich auch die Kliniken im Blick, so Teichert.Einer häufigen Behauptung widerspricht sie: «Die Inzidenz ist keineMaßeinheit für die Leistungsfähigkeit der Gesundheitsämter. EineGröße, die beschreibt, bis zu welcher Schwelle die Kontakte vonInfizierten noch nachverfolgt werden können, gibt es bisher nicht.»Wie gut die Kontaktnachverfolgung gelinge, sei sehr unterschiedlich -je nachdem, wie die Ämter aufgestellt sind und je nach Zahl derKontaktpersonen. «Wenn Kontaktbeschränkungen gelten, gibt es wenigerKontaktpersonen nachzuverfolgen, entsprechend können wir das auch beihöheren Inzidenzen leisten», sagte Teichert. «Wenn aber allesgeöffnet ist, haben die Menschen viele Kontakte und wir kommen schonbei niedriger Inzidenz kaum mehr hinterher.»Nun greift also ab einem Inzidenzwert von 100 regional die Notbremse.Hat es für die Kommunikation mit Bürgern Vorteile, auf bestimmteZahlen zu setzen? Markus Schäfer, Sprecher der FachgruppeGesundheitskommunikation der Deutschen Gesellschaft für Publizistikund Kommunikationswissenschaft, verneint: «Ich würde auch davorwarnen, einen Wert in ein Gesetz zu schreiben, in der Annahme, es seileichter zu kommunizieren», sagte der Wissenschaftler der Uni Mainz.Wichtig sei vielmehr, dass politische Entscheidungen nachvollziehbarseien. Sie hätten sich in Deutschland jedoch losgelöst vom Sachstand,kritisierte Schäfer. Die für die Schulen festgelegte Inzidenzschwellevon 165 zum Beispiel sei nicht wissenschaftlich begründet. FürSchäfer zeigt das, dass klassische politische Mechanismen wieKompromissfindung in der Pandemie an Grenzen stoßen.Auch das Ringen um noch verträgliche Werte - vor nicht allzu langerZeit war noch von den Sieben-Tage-Inzidenzen 35 und 50 die Rede - hataus Sicht Schäfers zum Vertrauensverlust in die Politik beigetragen.Laut der sogenannten Cosmo-Erhebung ist es vor allem seit MitteFebruar rapide gesunken. Schäfer verweist auch auf das in der Umfrageermittelte nachlassende Wissen über die Corona-Regeln insgesamt: «DieLeute verstehen es nicht mehr.»

Source = Deutsch-Nachrichten.Com

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